... und andere Dinge, die passieren, weil man Stauden nicht stäbt.
Manches Mal ist es schon im Juni der Fall, ein anderes Mal passiert es erst später, aber über kurz oder lang bleiben sie nicht aus: umkippende Stauden, Winden-Infernos, verschluckte Raritäten, zerfallene Kombinationen und somit beeinträchtigte Beete. Besonders ärgerlich ist, dass man in vielen Fällen selbst die Schuld am Kollabieren einer Pflanzung trägt, denn meist beginnt das Problem schon Jahre vorher, nämlich beim Anlegen.

Oft sind zu dichte Pflanzungen das Problem, denn alle Pflanzen, sogar jene, die im tiefsten Schatten zu überleben vermögen, streben nach Licht. Es ist dahe nur normal, dass sonnige Pflanzungen meist wenig Probleme hervorrufen, während halbschattige Lagen besonders anfällig sind, da Gärtnerinnen und Gärtner, trotz Kenntnis der Lebensbereiche der Stauden, dazu tendieren, Lichtverhältnisse zugunsten der erwünschten Kombinationen auszulegen. Da landen dann schonmal Sanguisorbas im Halbschatten, worauf sie lange Hälse bekommen und Richtung Sonne ausweichen und sich am Weg dahin immer mehr dem Boden annähern.

Hier beginnt das eigentliche Problem: Winden, ebenfalls unterwegs zum Licht, um ihre strahlend weißen Trichterblüten in die Sonne halten zu können (die sind auch noch Bienenweide!), ergreifen die lagernden Stauden und nützen sie, um weiter nach oben zu gelangen. An diesem Punkt darf eine Pflanzung als verloren betrachtet werden. Natürlich nicht komplett, noch ist nichts verstorben, aber höhere Stauden, die aus wiesenartigen Habitaten stammen, sind an solche unangenehmen Vorfälle gewöhnt (Wind, trampelnde Tiere, Regengüsse,...) und richten ihre Blütenstände umgehend zur Sonne aus. Das schaffen sie innerhalb weniger Stunden und diese Eigenschaft hat leider zur Folge, dass ein Entwirren der Winden und nachträgliches Aufbinden original nichts bringt, denn das Ergebnis ist so ohne jeglicher Zierde, dass es in vielen Fällen besser ist, nichts mehr zu unternehmen.

Es beruhigte mich zutiefst, in der Gartenpraxis (06/12) in einem Phloxartikel eine Passage über einen englischen Gärtner - Alan Bloom - zu lesen, der jedes Jahr aufs Neue verpasste, seine Stauden rechtzeitig zu stäben und darob so verzweifelt war, dass er das gängige English-Border-Konzept über den Haufen warf (1951 - und in England!) und wohl aus seiner Wut heraus etwas Kreatives schuf: Inselbeete, in denen sich die Stauden gegenseitig stützen und deren Bepflanzung zur Mitte hin gestaffelt wird.
Das klingt überzeugend und im Artikel waren glaubwürdige Bilder zu sehen, welche die Inselidee mit gelungenen Pflanzungen illustrierten. Was leider niemand schrieb, ist die jährliche Niederschlagssumme, bei der gegärtnert wird. Denn erstens mag es in England zwar öfter mal regnen, in Summe aber ist es dort in vielen Teilen trockener als in zahlreichen Regionen Süddeutschlands und Österreichs und zweitens ist England groß; wer nordöstlich von London seinen Garten pflegt, wird in einigen Sommern schon Gießverbote erlebt haben (wie schön - in GB gibt es kein Autowaschverbot, sondern ein Gießverbot! Was für eine sympathische Grundstimmung!), während in Schottland oder den Hügeln von Wales soviel Sumpf herrscht, dass man keine Schwertliliensammlung anlegen könnte.
Der Herr jedenfalls gärtnerte nahe Norwich, wo der jährliche Jahresniederschlag bei ungefähr 650mm liegt. Das ist weniger, als in zwei Drittel der Fläche von Deutschland im Jahr an Regen fällt (
hier die Karte dazu) und in Österreich gibt es überhaupt nur ganz im Nordosten Regionen, wo man mit weniger Niederschlag rechnen muss (
Karte).
Wer also in einer Region lebt, wo der Jahresniederschlag auf über 1000mm ansteigt (hier ist das nicht unüblich), der wird noch viel größere Probleme haben, standfeste Staudenbeete anzulegen, selbst wenn er für seine Beete die - auch imalpennordrandigen Staulagen-Regenklima gut geeignete - Inselform wählt und gewissenhaft nach Wuchshöhe staffelt. Denn Stauden wachsen Richtung Licht und sie tun das noch schneller und instabiler, wenn sie viel Wasser zur Verfügung haben; dann werden ihre Stängel knackig, sie wachsen wie von Sinnen und bis Juni schwelgt man im Glück offensichtlichen Gartenerfolgs, ehe das erste wildere Gewitter mit kraftvollem Downburst oder der erste zähe Landregen die Höhenstaffelung umbauen und die letzte Reihe in die mittlere sinkt, welche sich über die erste legt, die in der Folge verschwindet und für diese Saison ihre Zierde verloren hat.

Noch rascher passiert der traurige Verfall blühender, gerade eben noch perfekter Beete, wenn man sie neu anlegt oder zu enthusiastisch düngt - der hohe Nährstoffgehalt im Boden provoziert hohen, windanfälligen Wuchs, große Blätter und viele Blüten (in denen sich literweise Regenwasser sammelt) und ein einziger Gewitterguss kann eine Pflanzung ganz empfindlich stören. Dabei kommt es ganz auf die Stelle an, wo so etwas passiert: Irgendwo mitten im Beet mag es zu verschmerzen sein; entlang von Wegen oder an Beeträndern sieht es anders aus und ärgerlich wird es vor allem dann, wenn später im Jahr noch benötigte Pflanzen verdeckt oder erstickt werden.
Natürlich könnte man einfach stäben. Man könnte schon im Mai in den letzten Reihen von Beeten oder in der Mitte von Inselbeeten herumhüpfen, bienenbesetzte Alliums umrunden und mit viel Geduld, Bambusstäben und teuren Staudenstützen regensichere Sperren bauen. Das wäre grundvernünftig und völlig angebracht. Aber leider versetzen mich meine Beete jeden Frühling mit ihrem strammen Aussehen in die Gewissheit, dass Zweifeln nicht notwendig sei und sicher keine Pflanze je kippen wird ["Wer hat denn schon jemals so eine aufrechte Vernonia umfallen sehen?"]. Jetzt könnte man denken, ich wäre völlig bescheuert, aber natürlich weiß ich im Grunde schon, was zu tun ist. Nur leider ist das Stäben und Aufbinden von Pflanzen eine Gartenarbeit, die ich nicht ausstehen kann.

Ich versuche nun, möglichst aufrechte Stauden zu verwenden, potentielle Umfaller neben diesen zu platzieren und noch standortgerechter zu pflanzen. Die Inselform ist für Beete, die chronischen Kippen verhindern sollten, auch meiner Erfahrung nach sehr zuträglich. Sollte trotzdem das eine oder andere kippen, bin ich dazu übergegangen, die gekippten Stauden zumindest teilweise zu schneiden, um Totalverluste bei den Stauden, die darunter zu liegen kommen, zu vermeiden. Und in den nächsten Tagen werde ich nun beginnen, ein der Schwerkraft offenbar besonders ausgesetztes Beet umzugestalten, indem ich die größten Umfaller entferne (und in sonnigere Lagen umsiedle) sowie den deutlichsten Beschatter zurückschneide (eine Hasel). Falls das klappt, könnte ich nach und nach meine Umfall-Beete sanieren und hätte dann einen Garten, in dem nichts mehr zu Boden sinkt. Zumindest nicht, bevor es besonders regnet und stürmt. Was sowieso eher selten passiert ;-).