2. Oktober 2011

Herbst ist Most-Zeit

Die Herstellung von Most hat im nördlichen Alpenvorland von Österreich (und natürlich auch in Bayern) eine jahrhundertelange Tradition. Schon die Römer fanden, als sie in den Norden vorstießen, Most vor. Im Mittelalter wurden die Anbaumethoden verbessert, es gab eigene Baumschulen und damit die Möglichkeit, Sorten auszulesen und gezielt zu verbreiten. Zwar wurde immer wieder versucht, den Bauern die Herstellung und Ausschank von Most zu verbieten, aber so richtig funktioniert hat das wohl nie; als im 17. Jahrhundert die Weinernten immer spärlicher ausfielen (Kleine Eiszeit), wurde der Most das häufigste Getränk.

  

Im 19. Jahrhundert hatte der Most seine Blütezeit. Hunderte Sorten von Äpfeln und Birnen waren bekannt und wurden in Baumschulen und von Klöstern und Stiften gezogen, beschrieben und verwaltet. Jeder Hof war von Streuobstwiesen umgeben, Feldränder und Geländekanten von Mostobstreihen gesäumt, ebenso Straßen, Zufahrten, Pfade und Grenzen. Im Frühling, zur Zeit der Blütezeit, muss es herrlich gewesen sein, ebenso im Herbst, wenn es ans Ernten ging.


Der Niedergang begann in den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Gewinnung von Most - bisher meist in kleinerem Rahmen an jeder Landwirtschaft betrieben - ausgebaut und professionalisiert werden sollte. Es gab Baumwarte, die entschieden, ob Bäume genug trugen oder nicht, es wurde rigoros gegen Schädlinge vorgegangen und eine Vielzahl an Obstbäumen fiel einem "Entrümpelungsgesetz" zum Opfer, in dem vorgeschrieben wurde, unschön gewachsene und wenig ertragreiche Bäume zu entfernen.


Es wurde versucht, die umfangreiche Anzahl an Obstsorten zu reduzieren und deshalb pflanzte man stattdessen nur mehr wenige Dutzend Sorten, die restlichen wurden auf weniger als ein Fünftel des Bestands gerodet. Doch nach dem Krieg ging das Interesse an Most beständig verloren. Die Landwirtschaft befand sich im Wandel; Mosten wurde zur Belastung und mehr und mehr unnötig, da auch kaum mehr jemand das heimische Getränk haben wollte. Ab den 50er-Jahren zahlte die EWG/EG Rodungsprämien für die Entfernung von Mostobstbäumen. Damit war das Schicksal der Streuobstwiesen und der Mosttradition besiegelt.


Warum ich euch das erzähle? Weil wir mittlerweile das fünfte Jahr wieder Most machen, und nicht nur wir. Es gibt eine ganze Menge an Leuten, die wieder beginnen, Most zu produzieren. Viele davon machen es professionell und sie verkaufen ihre Produkte dann bei Verkostungen und regionalen Märkten. Wir machen Most noch so, wie ihn auch mein Opa gemacht hat und nutzen dazu die Bäume, die er oder sein Vater gepflanzt haben. Die Pressausrüstung dazu hat die Familie meines Freundes. So haben alle was davon :-).

Wir gehen sehr traditionell vor: Obst sammeln und sortieren (nur gute Früchte werden gebraucht), dann waschen und in einem eigenen Gerät kleinschreddern. Dieser Matsch kommt dann in eine Spindelpresse, die mit einem feinen Tuch ausgelegt ist. Dann wird mit der Hand gepresst. Der herrlich aromatische Süßmost bleibt ein paar Stunden im Kübel stehen, damit sich die Trübstoffe absetzen, dann wird er mit einem Schlauch in ein Plastikfass (ein wenig Zugeständnis an die Moderne muss sein :-)) gezogen und dann heißt es warten... um Weihnachten herum, manchmal auch etwas später, ist der Fruchtzucker im Saft zu Alkohol vergoren und der Most ist fertig. Ganz von selbst. So wie vor hunderten Jahren.


Die Moderne hat aber auch einige Annehmlichkeiten zu bieten, die den Mostgenuß für Leute wie mich, die den Süßmost mehr schätzen als das fertige Getränk, sehr entgegenkommen. Durch die Erwärmung auf 70°C wird der Gärprozess unterbunden und der Süßmost kann in Flaschen gefüllt und das ganze Jahr über genossen werden.

Einige hundert Liter sind heuer schon im Keller gelandet, einige Birnbäume tragen noch. Das eine oder andere Mal wird sicher noch gepresst, dann muss man wieder ein Jahr warten, ehe man das satte Klicken der Mostpresse hört und sich auf die ersten Tropfen freut, die aus dem Obst tropfen...

Kommentare:

  1. Liebe Katrin,
    das ist ja wieder ein interessanter Beitrag - und - wir machen auch Most. Eigener Schredder und neuer Luxus: eine Presse mit Wasserdruck. Die funktioniert super und die Ausbeute ist sehr hoch. Dieses Jahr hatten wir wieder ca. 200 l. Wir haben nur 1 großen Baum, der uns den Saft gibt. Die anderen kleineren Apfelbäume liefern Obst zum Essen.
    Schade, dass Du so weit weg wohnst, da könnten wir zusammen mosten und kosten.
    Essig stellen wir auch aus den Äpfeln her.
    Viele Grüße von unserem Mini-Streuobstgarten
    Renate

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  2. Danke für den interessanten Post! Tut gut, zu lesen, dass doch da und dort altes Wissen gehütet wird und nicht verloren geht! Ganz toll und meine Bewunderung für euren Einsatz!

    Lg Elisabeth

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  3. Ich finde diesen Beitrag auch sehr interessant, vor allem, weil es nur noch so wenig Leute gibt, die selber Most herstellen.

    lg kathrin

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  4. Was für ein schöner Bericht.
    Most - der Duft nach Äpfeln - wunderbar. ich lebe hier im Alten Land, einem großen Obstanbaugebiet. Da tuckern jetzt die Trecker durch die Gegend und bringen einen teil ihrer Ernte zu den Mostereien.
    Ich hab einmal in einer Mosterei gearbeitet und kann mich an die Zeit des Apfelpressens gut erinnern. Dieser Duft - ich hab ihn durch deinen Bericht wieder in der Nase.
    LG heidi

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  5. Oh, das sieht nach guter alter Zeit aus! Leider sind mir meine Äpfel an meinen "geerbten" Bäumen dieses Jahr alle noch am Baum verfault, ich werde aber im nächsten Jahr gegen die ollen Apfelwickler kämpfen, damit ich auch mosten kann! Ich werde berichten! Prost! Liebe Grüße, Dagmar

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