14. Juni 2014

Das Gebirge blüht

Wer heimische Alpenpflanzen an ihren Naturstandorten sehen möchte, sollte im Juni ins Gebirge aufbrechen. Kaum ein Monat bietet mehr Fülle und Blütenreichtum, als die Zeit der längsten Tage, ehe es Hochsommer wird. Dabei lohnt sich jede mühevoller Aufstieg, denn je höher man kommt, desto unwahrscheinlicher und deshalb beeindruckender wird der Reichtum an Pflanzen, der sich auf extremen Standorten wie Felswänden, Geröllhalden und restfeuchten Schneetälchen bietet.

Primula auricula, eine Pflanze, die zur Blütezeit ganze Berghänge dominiert

Was für die Zentralalpen das Edelweiß ist und für Romantiker der blaue Enzian, das ist in der Bergsteigertradition der Nordalpen die Alpenaurikel, die hier den gstandenen Namen "Petergstam" trägt, der viel deutlicher als das zarte "Aurikel" mitteilt, dass wir es hier mit einer robusten, den langen Wintern mit ihren Schneebrettern und damit einhergehenden Problemen trotzenden Pflanze zu tun haben, die inmitten von Felswänden klebt und trotzdem in der Lage ist, überreich zu blühen.

In den Südwesthängen des Nazogl finden sich tausende Aurikel

Aurikel kommen an manchen Abhängen in großer Zahl vor. Das mag man übersehen, wenn man abseits der Blütezeit die oft schlappen Blätter sieht, aber jetzt, in voller Pracht, wirken sie wie angepflanzt, wie sie so farbig und in tollem Komplementärkontrast zum blauen Himmel von jeder Felskante hängen und aus dem braunen Gras herausleuchten.

Aurikeln reichen selbst winzige Spalten im Fels, um zu großen Pflanzen heranzuwachsen

Eine Besonderheit des Warscheneckmassivs (letzten Juni war ich direkt am Warscheneck unterwegs, Beitrag gab es auch dazu), eines Teils der nördlichen Kalkalpen, der sich im Süden von Oberösterreich bis knapp über die Grenze zur Steiermark erstreckt, ist die deutliche Bänderung. Damit meint man eine waagrechte Schichtung der Kalkblöcke, die an den Kanten Humusablagerungen und damit verhältnismäßig üppiges Wachstum selbst in Höhen um 2000m Seehöhe ermöglicht. Während man als Wanderin mühsam diese Stufen erklimmen muss, bieten sie zahlreichen Pflanzen Platz für Wurzeln und dauerhafte Ansiedlung, da innerhalb der steilen Wände Lawinen keine Gefahr darstellen; sie rutschen einfach über alles Bewuchs hinweg und donnern ohne Pflanzen mitzureißen ins Tal.

Aurikel mögen im Garten absonnig stehen. Das wissen die im Gebirge nicht; sie hängen in gleißend hellen Felswänden und kriegen zum Teil von früh bis spät Sonne ab.

Aber Aurikel sind nicht die einzigen Pflanzen: Auch das stängellose Leimkraut (Silene acaulis) hat jetzt seinen Auftritt. Alle Pflanzen des Gebirges müssen die Zeit vor und nach der Sonnenwende nützen, um die wenigen Wochen, die ihnen mit zumindest hoher Wahrscheinlichkeit durchgehende Plusgrade und keinen Schnee und somit viele Bestäuber bescheren, mit Blüten auszunutzen. Wirklich freundliche Monate gibt es auf 2000m nur wenige, im Mai schneit es oft noch und im August kann das leicht wieder passieren.

Der Alpen-Hahnenfuß, Ranunculus alpestris, ist ebenfalls unerschrocken, was Extremstandorte anbelangt: Ein kleiner Spalt im Kalkgestein, hier "Karren" (das sind Erosionsformen in Rinnengestalt) reichen, und schon kann er sich ansiedeln.

Die Alpen-Troddelblume (Soldanelle alpestris) ist eine sehr niedrige, winzige Staude, die ihren Platz rund um Stellen hat, an denen Schneeflecken lange liegen bleiben, also bei Senken oder hinter Felsen. Dort, im bei Frühsommertemperaturen vom langsam schmelzendem Schnee ständig durchfeuchteten Areal, blüht sie dann in großer Anzahl, aber nur wenige Zentimeter groß. Sie ist wirklich klein, viele bemerken sie vielleicht gar nicht, vor allem, wenn sie einzeln auftritt. Diese dichte Fläche hat auch mich sehr beeindruckt, die Bedingungen müssen ideal sein.


Hier wachsen Frühlinsenzian (Gentiana verna) und Katzenpfötchen (Antennaria rubra)

In den kleinen Nischen im Kalkgestein finden die Pflanzen nicht nur Humus, sondern auch Feuchtigkeit und Kühle. Weil es so kleine Stellen sind, bleibt die Gemeinschaft oft auf wenige Arten begrenzt und sieht daher aus wie angepflanzt. Im ersten Bild wachsen Viola bifolia mit Primula auricula, im zweiten Anemone narcissifolia und im dritten meine Lieblingsgemeinschaft aus dem großblütigen Gentiana clusii, Primula auricula und dem großblüten Windröschen, Anemoen alpina.

Ausblick vom Angerkogel auf die Hauptgipfel Warscheneckgruppe. Unter den meisten Wolken links ist der Dachstein zu sehen, ganz rechts Pyhrgas und Bosruck (am Pyhrnpass gelegen). Es ist eine wunderschöne, aber weil als Rundweg gegangene, deshalb sehr lange Wanderung. Wir waren 9 Stunden zu Fuß unterwegs, Pausen abgezogen ;-).

Kommentare:

  1. schöne Bilder hast du eingefangen!!
    es fasziniert mich immer wieder, wie sich Pflanzen ihren Lebensraum erobern, auf noch so kleinem Raum..
    lg

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  2. Da wart ihr lange unterwegs. Von so langen Wanderungen zehren wir meist viele Tage, die ganzen Eindrücke brauchen ein wenig um sich setzen zu können. Eine tolle Gegend, so hat jegliche Region einen ganz besonderen Reiz. Danke für die wunderbaren Bilder.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag Alexandra

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  3. Bonjour,
    magnifique série stimulante et oxygénante : merci !
    Continuez à nous enchanter...
    Amicalement

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  4. So schön und wie immer sehr sachkundig, danke!

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  5. wundervolle Impressionen des Hochgebirges
    und war es gestern dein Garten in 3 Sat , naturnah , auch der war ja sehr schön dargestellt.
    Welche Kenntnisse du immer zeigst, Gratulation von Frauke

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  6. Traumhafte Impressionen! Die Alpentroddelblume, von der ich noch nie etwas gehört habe, gefällt mir besonders gut.
    Möchte Dich hiermit sehr herzlich auf einen Besuch "bei mir" einladen. Würde mich sehr freuen. www.helgasphotography.blogspot.de. Vielen Dank schonmal.
    Einen schönen Abend und liebe Grüße, Helga

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  7. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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    1. Ohje Heidi, ich fürchte, ich hab mich mit meinem Smartphone verklickt und deinen Kommentar aus Versehen gelöscht! Das tut mir sehr leid!
      LG, Katrin

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