11. Oktober 2014

Weich und wollig, glatt und rau - Die unwiderstehliche Haptik der Pflanzen

Mit feinen Haaren besetzt und dick und mit warmem Widerstand, wie die noch nicht in die Länge gewachsenen Ohren von ganz jungen Kaninchen - so erscheint mir das Laub des Wollziests und an diese Eindrücke muss ich denken, wenn ich Stachys byzanthina lese - auch wenn der Name an Orient erinnern könnte, die Eindrücke meiner Fingerspitzen stehen darüber, sie lassen keinen anderen Gedanken zu als den an Hasenohren.

Begonia grandis var. evansiana

So geht es mir mit vielen Pflanzen. Bei Geranium streife ich über die frischen Blattbüschel, die dann etwas streng duften, bei Sedum denke ich an die glatten, bei unsanften Berührungen quietschenden Blätter, bei Pflanzen mit kerzenförmigen Blütenständen muss ich diese durch die offene Hand gleiten lassen um mich ihrer Form zu vergewissern und bei Schattenstauden faszinieren mich ihre festen, oft fast ledrigen Blätter, die von so robuster Konsistenz sein müssen, weil sie eine ganze Saison lang durchhalten müssen.

Stipa tenuissima
 
Viele Farne tragen festes Laub, ihre Unterseiten mit den Sporenkapseln aber sind weich und wie mit Wolle besetzt. Unzählige Stauden treiben Blütenknospen, die mit feinen Härchen bewachsen sind, die immer an Tiere erinnern; Akeleien etwa, weich wie die Stelle knapp oberhalb einer Katzennase, oder Knospen von Papaver orientale - mit festen, borstigen Haaren, wie der Rücken eines halbwüchsigen Ferkels. Die Samenkapseln von Paeonien hingegen, wie mit Filz bewachsen und fest, gleich dem ganz kurzen Fell am Nasenrücken eines Pferdes.

Epimedium stellulatum 'Wudang Star'

Diese Eindrücke habe ich unbewusst schon immer gesammelt, sie bei jeder neuen Pflanze durch mehrmaliges Betasten verinnerlicht und liebgewonnen wie den Duft einer Blüte oder den Anblick einer schönen Farbe. Wannimmer ich Pflanzen begegne, sehe ich sie nicht nur an, sondern berühre sie: Auch zarte Blüten, wie die der Elfenblumen, die sich wie ein Lufthauch anfühlen und beinahe nichts wiegen, ganz im Gegensatz zu wuchtigen, schweren Erscheinungen wie die von Iris oder Mohn, bis hin zu luftigen, raumerfüllenden Wolken wie den Samenständen von Gräsern, die man von den Fingerspitzen bis zu zum Ellbogen überstreifen kann und wie wenig Widerstand bieten, wenn sie im Wind wogen und stabiler sind, wenn sie aufrecht stehen wie die von Panicum oder glatt und fest zusammenlegbar sind wie die von Miscanthus und unterhalb der Faust, wenn man sie durch die geschlossene Hand streift, wieder ihre Form einnehmen.

Paonia

Außerdem können Blätter mit Wachsschichten belegt sein, mit mehliger Substanz überpudert oder von gesunder Straffheit durchströmt; andere sind schlaff, weitere zur Sonne ausgerichtet, andere an die Stängel gebogen. Ich würde sogar so weit gehen, dass sich der Charakter einer Pflanze, wie sie sich in einer Pflanzung präsentieren wird - also aufrecht, Blicke auf sich ziehend oder lagernd, sich einfügend oder aus den anderen Stauden erhebend - bis zu einem gewissen Ausmaß erfühlt, oder zumindest als ergänzender Hinweis und als Entscheidungshilfe als weiterer Eindruck herangezogen werden kann.

All diese Gedanken habe ich aber erst entwickelt, als ich diesen Sommer von Jochen Wegner belustigt darauf aufmerksam gemacht wurde, dass ich andauernd Stauden anfassen würde. Die Blüten einer Deschampsia ertappt in den Händen haltend habe ich den ganzen Sommer auf meine Hände geachtet und was sie mit Pflanzen tun. Tatsächlich fingern sie ständig in Laub herum, stupsen Blüten an, streifen durch taunasses Laub, langen in reife Komposterde, fangen Würmer, berühren Maulwurfsgrillen, betasten Skabiosenblüten, genießen die feste Konsistenz von verheißungsvoll gut entwickelten Hepaticatriebknospen, prüfen die raue Rinde von Bäumen und ärgern sich und den anhängenden Körper, wenn sie in Brennnesseln fassen.

Palmenart im BOGA Berlin

Aber nicht nur ich, auch andere Gärtnerinnen und Gärtner haben solche Hände, die sich ständig in den Pflanzungen bewegen, Samenstände kneten, Gräser kämmen und kleine Austriebe prüfend zwischen Daumen und Zeigefinger halten und - ich freu' mich immer, wenn das passiert - bei Beratungsgesprächen die Pflanzen halten, mit ihnen gestikulieren, sie im Falle von duftenden Bestandteilen unter meine Nase halten und beim Verkauf noch einmal kurz anstreifen.

Pflanzen gerne zu berühren, ist für mich ein Zeichen, dass man sie mag, dass man sie schätzt, keine Distanz aufbaut und sich gerne mit ihnen umgibt. Und nicht zuletzt ist das alles auch einfach erklärbar, mit haptischen Typen und besserer Merkfähigkeit, wenn alle Sinne genutzt werden, und mit verschiedenen Kanälen, wobei die Haptik bei manchen besonders ausgeprägt ist, wohingegen bei anderen das bloße Anschauen reicht, damit eine Staude erkannt wird - völlig wissenschaftlich also.

Peltoboykinia watanabei

So zerlegt, ist mein Impuls eigentlich nicht mehr wirklich rätselhaft - bis auf den Umstand, dass die Haptik und damit die genaue Information zur textuellen Beschaffenheit von Pflanzen nichts ist, was zu normalen Beschreibungen dazugehört. Ich selber sage es auch nicht oft dazu, es ist so etwas wie eine Metaebene der Pflanzenbeschreibung, ein Eindruck, der mit einem Pflanzennamen mitschwingt, so wie die Hasenohren beim Stachys. Oder - und ich habe mich wirklich gefreut, als ich mal einen ausgegraben habe - die Hundszähne, die wie ein gefletsches Gebiss im Boden liegen. Es gibt noch mehr von diesen Pflanzen mit Haptiknamen... wenn man bloß darauf achtet.

Kommentare:

  1. Bei deinem heutigen Blog musste ich in mich hinein schmunzeln ..ich dachte dass nur ich diese Angewohnheit hätte. Da bin ich ja beruhigt das es auch noch andere "Pflanzenstreichler" gibt.
    sonnige Grüsse Eveline
    Ich möchte dir auch noch Danken für dein herrliches Buch welches ich mir letzte Woche gekauft habe.
    Deine Photos darin sind wunderbar und auch ich kann noch eine Menge beim lesen lernen. Dieses Buch wird mich durch den Winter begleiten und ich werde sicher viel darin blättern.

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  2. Mit diesem Post ist mir endlich ganz und gar bewusst geworden, dass Pflanzen für mich sind, was für andere Tiere sind: Nämlich Gefährten. Haustiere sind mir eher fremd, wir hatten nie welche, dafür streichele ich meiner Zimmertanne über das "Rückgrat" und bezeichne sie als mein "Haustier" etc. So wie es hier aussieht, habe ich also eine großen Hasenstall voll, zeig mir mal einen Garten, wo soooo viel Stachys im Beet sein darf wie bei mir an der Terrassenböschung! Die trockenen Lavendelblüten/Früchte zerreibe ich bei jedem Gang durch den Garten und schnupppere dran, es beglückt mich einfach! Und die Rosenblüten streife ich ab und lege sie irgendwo im Haus hin. Geranienblätter mag ich besonders und Tomaten, weil sie meine Haut grellgelbgrün färben... und du hast mit diesem Post von A bis Z den Punkt getroffen ;-) Danke und liebe Grüße aus Wien
    Elisabeth

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  3. Hallo Kathrin,
    der Wollziest zählt zu meinen liebsten Pflanzen im Garten. aUS ursprünglich 3 Stauden finde iich ihn nun überall und verschenke ihn fleißig weiter. Die Kinder lieben ihn, weil er so herrlich weich ist und ich mag ihn, weil er ein so toller Insektenmagnet Istanbul farblich passt er fast überall dazu, nur Regen mag er nicht so sehr....aber mein Garten bekommt dadurch reichlich Streicheleinheiten.
    Liebe Grüße und noch einen schönen Sonntag,
    Sigrun

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    1. Sorry, Kathrin für die vielen Fehler....das war ein Ipod-Mini--Kommentar, das wird manchmal chaotisch bei mir. Ich freue mich, dich als Leserin bei mir gefunden zu haben. Obwohl es etwas schwierig ist, da du kein Foto im Profil hast.....
      Ganz liebe Grüße Sigrun

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  4. hello,
    i like your "blog",
    great garden congratulation !!
    alex

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  5. Hallo Kathrin,

    Dein Eintrag hat mir tatsächlich den Anstoss gegeben, einen Wollziest auf das leere Fleckle Beetumrandung zu setzen.

    Das Bedürfnis, Pflanzen anzufassen, teile ich - es hat auch etwas mit dem "Begreifen" zu tun, denke ich. Letztendlich ist es doch manchmal unbegreiflich, dass da in wenigen Wochen etwas quasi aus dem Nichts gewachsen ist, oder?

    Der Blog gefällt mir sehr, ebenso wie das Buch. Für mich das lohnendste Gartenbuch der letzen Jahre.

    Viele Grüße
    Alexandra

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  6. Sehr interessanter Post und vor allem tolle Bilder!

    lg kathrin

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